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Wenn Goethe auf unsere Zeit blicken könnte ...
28.08.2026Traditionell blicken wir mindestens ein Mal im Jahr auf den großen Dichter Johann W. von Goethe, zu seinem Geburtstag am 28.08.: diesmal haben wir ihn gefragt ;-), wie er denn die heutige Zeit sieht ….
Ich schaue auf eure gegenwärtige Zeit mit Verwunderung, ja bisweilen mit Sorge. Ihr habt Kräfte und Künste gewonnen, von welchen meine Zeitgenossen kaum zu träumen gewagt hätten; ihr habt die Ferne bezwungen, die Natur zu euren Diensten gestellt und das Wissen in einer Fülle gesammelt, wie sie vormals undenkbar gewesen wäre.
Doch will mir scheinen, als sei euch etwas abhandengekommen, das kein Wissen und keine Kunst zu ersetzen vermag: die stille Besinnung. Ihr wisst mehr denn je – doch habt ihr darum auch tiefer verstanden?
Wenn ich eure Staats- und Weltgeschäfte betrachte, so würde ich wohl nicht ohne Verwunderung, aber auch nicht ohne Kritik darauf blicken. Ich sehe viel Bewegung, viel Streit und eine Fülle von Worten; allein, nicht immer entdecke ich darin den ernstlichen Willen, das Rechte zu suchen. Gar zu leicht scheint der Mensch geneigt, seine eigene Meinung zu verteidigen, als wäre sie schon deshalb wahr, weil sie die seine ist. Doch die Politik sollte nicht der Schauplatz persönlicher Eitelkeit sein. Sie hat dem Menschen zu dienen und wo sie dieses vergisst, da verliert sie ihren edelsten Zweck.
Die Liebe aber, dünkt mich, hat durch all die Veränderungen der Zeiten wenig von ihrem alten Wesen eingebüßt. Der Mensch sucht noch immer ein anderes Herz, darin er Vertrauen finde; er sucht Nähe, Verständnis und jenen seltenen Menschen, in dessen Gegenwart er gleichsam sich selbst erkennen darf. Mag sich die Welt um uns auch verwandeln, mögen neue Künste und neue Möglichkeiten das Leben bestimmen – die Sehnsucht des menschlichen Herzens bleibt dieselbe: geliebt zu werden und selbst wahrhaftig lieben zu können.
Und was die Menschen betrifft, so glaube ich nicht, dass sie schlechter geworden sind. Sie sind wohl eiliger geworden, lauter und zerstreuter; und vielleicht ist mancher unter ihnen einsamer, als es den Anschein hat. Doch der Mensch bleibt Mensch, mit seinen Hoffnungen, seinen Irrtümern und seinem Verlangen nach Glück. Wer aber sich selbst und die Welt erkennen will, der muss bisweilen aus dem Getriebe des Lebens heraustreten und innehalten. Denn nur in der Stille vermag der Geist zu vernehmen, was im Lärm des Tages ungehört verhallt.
Darum glaube ich: Nicht die Geschwindigkeit, mit welcher wir durch das Leben eilen, macht unser Dasein groß, sondern die Tiefe, mit welcher wir es zu erfassen und zu leben vermögen. Denn das Leben gewinnt seinen Wert nicht dadurch, dass wir viel davon durchmessen, sondern dadurch, dass wir das Wenige, welches uns gegeben ist, wahrhaftig zu erkennen, zu lieben und zu erfahren wissen.
Danke für Ihre Worte! ;-) (kl)
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